Zukunftsmedizin

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Achtsamkeit, Gelassenheit und Entschlossenheit

Drei Themenblöcke strukturierten die Diskussion jener zehn Experten des Forums Zukunftsmedizin, die am 23. März 2020 online das Pandemiegeschehen beleuchteten. Es ging um Lebensführung im Corona-Jahr, um gesicherte Fakten und Realitäten und last not least um Zuversicht.

 

LEBENSFÜHRUNG

Der Internist Prof. Dr. Heiner Greten (Asklepios-Klinik St. Georg, Hamburg) brach eine Lanze für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Wir werden diesen unbekannten Gegner, gegen den wir nichts in der Hand haben, bis es Impfungen gibt, nur besiegen, wenn Solidarität einkehrt. Dem Forum Zukunftsmedizin kommt dabei eine wichtige Rolle zu: an Intellekt, Gemeinschaft und Resilienz zu appellieren. Psychische Widerstandskraft kann man zum Teil trainieren. Religion hilft dabei ebenso wie intakte Familien oder die Beschäftigung mit Dingen, an die wir glauben, die Halt und Anker bieten.“

Prof. Dr. Dirk Arnold, Onkologe an der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona, sprach von der ersten bedrohlichen Situation seiner Generation. „Im Klinikum müssen wir eine Rollenambivalenz aushalten. Wir sind plötzlich Helfende und potentiell Betroffene und haben dafür zu sorgen, dass wir selbst handlungsfähig bleiben. Eigenverantwortung wird zur Verantwortung für die Anderen. Für Patienten und Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Körperliche Distanz wird zum sozialen Verhalten.“

 

FAKTEN UND REALITÄTEN

Der Gastroenterologe Prof. Dr. Heiner Wedemeyer, der sowohl die Universitätsmedizin in Essen als auch die Medizinische Hochschule Hannover gut kennt, sieht Deutschland auch in der Behandlung schwerstkranker Patienten gut aufgestellt. „Auch wenn wir gesellschaftlich oft reflexhaft reagieren, bin ich positiv beeindruckt, wie Politik und Gesundheitswesen seit vielen Wochen maßvoll reagieren und an den richtigen Schrauben drehen. Dazu gibt es exzellente Virologen mit klaren Botschaften, die für die medizinischen Kollegen sehr hilfreich sind. Man kann aktuell froh sein, in Deutschland zu leben und nicht in anderen Ländern.“ Wedemeyer dämpfte jedoch die Hoffnung auf die schnelle Verfügbarkeit eines Impfstoffs: „Akademische Forschung und Wirtschaft gehen da auf vielen Ebenen sehr pragmatisch vor, nicht zuletzt, um die Sicherheit jener Menschen, die an Studien teilnehmen, zu gewährleisten. Aber es dauert halt sechs bis 12 Monate, bis wir ein Medikament getestet haben. Und dann stellt sich die Frage, welche Basis der Impfstoff haben muss und wie realistisch es ist, in kurzer Zeit große Mengen davon zu produzieren.“

Für den Kardiologen Prof. Dr. Stephan Willems (Asklepios Klinik St. Georg, Hamburg) ist die These, dass sich nur bei älteren Patienten schwere Krankheitsverläufe zeigen, nicht zu halten. „Natürlich steigt das Risiko bei diesem bösartigen Virus mit Lebensalter und Co-Morbiditäten. Aber es trifft eben auch junge und nicht vorerkrankte Menschen. Der jüngste Patient, von dem ich weiß, ist Anfang 20. In keinem Fall sollten Herzmedikamente oder ACE-Hemmer auch bei einer Erkrankung mit COVID-19 abgesetzt werden. Das Absetzen richtet in jedem Fall einen größeren Schaden an als die fortgesetzte Einnahme bei gut eingestellter Medikation.“

Der Neurologe Prof. Dr. Joachim Röther (Asklepios Klinik Altona, Hamburg) sieht wenig neurologische Symptome bei der Lungenerkrankung, die vom Corona-Virus ausgelöst wird. „Gleichwohl gibt es Patienten mit einem ähnlichen Krankheitsbild wie bei einer Hirnhautentzündung oder bei Bewusstseinsstörungen, diesmal jedoch hervorgerufen durch eine schlechtere Sauerstoffversorgung. Auch Anzeichen eines eingeschränkten Riech- und Geschmacksvermögens sind ein vorübergehendes Phänomen von wenigen Tagen. In jedem Fall ist Patienten mit Alzheimer, Parkinson oder Multipler Sklerose zu raten, jetzt ganz besonders vorsichtig zu sein, da hier vermehrt schwere Verläufe zu erwarten sind. Aber das Spazierengehen unter Wahrung der Distanz empfehle ich älteren Patienten unbedingt. Sich zu isolieren, ist keine gute Idee.“

Dr. Georg-Christian Zinn, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin (BIOSCIENTIA ZHI, Ingelheim) attestierte Deutschland eine deutlich bessere Reaktion auf den bisherigen Verlauf der Epidemie als Italien oder Spanien, wo die Sterblichkeit signifikant höher sei. Er sagte: „Italien hat seit Mitte Januar eine klar höhere Dunkelziffer an Infizierten. Zudem ist die Bevölkerungsstruktur mit einem Anteil von 30 Prozent der über 60-Jährigen deutlich älter. Das medizinische System ist massiv überlastet und verfügt über wesentlich weniger Intensivbetten. In Deutschland haben wir sehr früh damit angefangen zu testen und Bürger entweder in die Quarantäne zu schicken oder sie stationär aufzunehmen.“ Zinn sieht Deutschland beim Verlauf der Corona-Krise unterhalb der 10-km-Marke eines Marathons und warnt zugleich vor überflüssigen Testungen: „Mein Institut erhält 5.000 Proben pro Tag und ist damit an der Auslastungsgrenze. Wir sollten uns daher auf Intensivpatienten und Krankenhausmitarbeiter fokussieren und nicht auf Patienten mit atypischen Symptomen.“

Der Virologe Prof. Dr. Thomas Schulz (Medizinische Hochschule Hannover) sieht als Hauptübertragungsweg des Coronavirus‘ vor allem die Tröpfcheninfektion. „Eine Übertragung durch Material ist natürlich auch möglich, wobei die Überlebenszeit des Erregers je nach Oberfläche wechselt und bis zu drei Tage vorhalten kann. Im Anschluss an die Erkrankung wird wahrscheinlich eine Immunität ausgeprägt, nur wir wissen natürlich noch nicht für wie lange. Die gute Botschaft ist, dass sich in vielen Altersgruppen nur geringe Symptome zeigen werden. Aber Hauptrisikofaktoren sind Alter gepaart mit Vorschädigungen wie Diabetes, Lungen- oder kardiovaskulären Erkrankungen.“

 

ZUVERSICHT

Prof. Arnold: „Wir lernen gerade viel über Fürsorge und Miteinander, über Krisenmanagement, Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf unser zukünftiges Leben.“

Prof. Röther: „Am Jahresende werden wir alle klüger und weiser sein, auch zu den Themen Humor, Gelassenheit und Mitmenschlichkeit, die sich gerade breit machen. Wir werden die nächsten Wochen gut überstehen mit hervorragenden Pflegekräften und Intensivmedizinern sowie exzellenten Informationen aus dem Robert Koch Institut.“

Folke Tedsen, HanseMerkur: „Wir müssen jetzt gut miteinander umgehen und pragmatische Lösungen finden. Dabei hilft uns unsere sehr gute Versorgung mit 150.000 Ärzten und 2.000 Krankenhäusern, mit 600 Laboren und einem Krankenversicherungssystem, in dem alle Bürger Schutz genießen.“

Matthias Kohl, DAK-Gesundheit: „Es gelingt gut, die betrieblichen Abläufe digital und dezentral aufrechtzuerhalten. Jetzt ist jeder wichtig und muss in seinem eigenen Kompetenzfeld das Beste geben.“

Prof. Willems: „Bei aller Dramatik der Situation brauchen wir Achtsamkeit, indem wir unser Verhalten ändern, Gelassenheit im Umgang mit Informationen und Entschlossenheit im gemeinsamen Kampf gegen den unsichtbaren Feind.“

Prof. Wedemeyer: „Bleiben wir beharrlich und wachsam bei dieser großen Herausforderung, auch wenn im nächsten Halbjahr die zweite Infektionswelle kommt. Anschließend müssen wir evaluieren und sehen, wie wir das System besser machen können.“

Dr. Zinn: „Jeder muss an seinem Platz seinen Beitrag leisten, damit wir die Krise überstehen. Es wird ein Marathon, und er wird nur gemeinsam zu bestehen sein.“

Prof. Greten: „Jetzt ist eine solidarische Gesellschaft gefordert. Bei uns haben sich sehr kompetente Politiker gute Ratgeber gesucht. Es gibt kaum Parteienstreit über das weitere Vorgehen. Ich bin dankbar, dass die politisch Verantwortlichen so sachorientiert handeln.“



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