Über Leben und achtsames Handeln in Krisen-Zeiten

Wir sehen täglich die ansteigende Flanke einer exponentiellen Wachstumskurve und machen uns Sorgen um eine Infektionswelle, die auch unser Gesundheitssystem mit seinen 28.000 Intensivbetten schnell überfordern könnte. Das Rheinische Post Forum verfügt seit 2018 über ein vitales Netzwerk von Spitzenmedizinern, Forschern, Zukunftsdenkern und Meinungsführern aus allen Bereichen der Gesundheitswirtschaft, das wesentliche Themen der modernen und individualisierten Datenmedizin mit dem Fokus Patientenorientierung bearbeitet. Aus aktuellem Anlass werden Virologen und Fachärzte der Hygiene und Infektionsprävention, der Kardiologie, Neurologie, Onkologie und Gastroenterologie ebenso wie ein Soziologe und Psychologe sowie Vertreter der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung das aktuelle Pandemiegeschehen für Sie einordnen.

Prof. Dr. Heiner Greten, Chairman des Herz-, Gefäß- und Diabeteszentrums an der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg, ausgezeichnet mit der Leopold-Lichtwitz-Medaille für sein Lebenswerk sowie Beirat des Forums Zukunftsmedizin der Rheinischen Post, hat eine sehr differenzierte und gleichsam pragmatische Sicht auf die aktuelle Pandemie-Lage. Seine Einschätzung erfolgt auf Basis der Erfahrungen jahrzehntelanger medizinischer Arbeit sowie seiner Forschungstätigkeit: „Alles was wir über SARS-CoV-2 wissen, basiert auf den Erfahrungen der vergangenen Monate: hohe Infektionsrate, erhöhte Gefährdung eines schweren Krankheitsverlaufes in der Interaktion mit anderen Krankheiten, neurologische Einschränkungen des Geschmacks- und Geruchssinns und vielen weitere Symptome, die auf den ersten Blick einem grippalen Infekt gleichen. Aktuell handelt es sich weltweit um eine sehr dynamische und ernst zu nehmende Situation. Ein Teil der Krankheitsverläufe ist schwer, auch Todesfälle sind zu beklagen.

Die Bundesregierung hat bis dato die richtigen Schritte zur Eindämmung der weiteren Verbreitung des Virus eingeleitet. Maßnahmen wie etwa die Schließung von Schulen, Kindergärten, Spielplätzen, Einzelhandelsgeschäften, Fitness-Studios, Bars, Diskotheken und Spielplätzen sollten die Pandemie verlangsamen, um damit die Kapazitäten unseres Versorgungssystems nicht an den Rand eines Kollapses zu führen. Doch nun kommen wir zu einem Aspekt, der den Erfolg- oder Misserfolg der Maßnahmen bestimmt: SOLIDARITÄT. Gemeint ist dabei die Eigenverantwortung der Bevölkerung, sich den aktuellen Anordnungen der Regierung zum Wohle aller und insbesondere gefährdeter Mitmenschen unterzuordnen. Was im Modell zur Eindämmung der Corona-Verbreitung so einfach wie gleichzeitig sinnvoll erscheint, scheitert in der Realität aber am Egoismus der Menschen. Bilder von Feiernden in Parks, Grillfesten und nicht zuletzt von Corona-Partys zeigen, dass die solidarische Selbstbeschränkung nur bei einem Teil der Bevölkerung ausgeprägt ist. Insbesondere Menschen mit einem Mangel an ausgeprägter Krisenerfahrung scheinen den Ernst der Lage nicht begriffen zu haben. Sie vermögen den Schritt von der intellektuellen Erkenntnis hin zum adäquaten Handeln nicht zu gehen, und ich kann es ihnen noch nicht einmal gänzlich zum Vorwurf machen. Noch einmal: wenn ihnen die Erfahrung echter Krise vollkommen fehlt, ist es einfach sehr schwer, freiwillig die richtigen Dinge für einen angemessenen Umgang zu tun.

Wir werden uns jetzt entscheiden müssen, ob wir den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems riskieren wollen und damit auch den Tod vieler Erkrankter in Kauf nehmen, oder ob wir das öffentliche Leben einschneidend per Dekret noch weitgehender zum Erliegen bringen. Ich denke, wir sollten von den konsequenten und radikalen Maßnahmen in China lernen. In Deutschland ist aus meiner Sicht die Ausgangssperre ein unumgänglicher Schritt.“



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